| Jean Giono
Der Husar auf dem Dach (Rowohlt 1955) Aus dem 6. Kapitel
Es hatte sich ein heißer, geschmeidiger Wind erhoben, der die Sterne anschürte und das Laubwerk der Bäume wogen und brausen ließ. Auch ein Klingen hatte am weiten Himmel eingesetzt, so daß Angelo die Augen hob und nicht sehr weit die eiserne Haube eines Glockenturmes erkannte, dann das winklige Durcheinander der Ziegeldächer, deren Oberfläche teilweise so glatt war, daß schon das bloße Blinzeln der Sterne sie leuchten machte. Angelo atmete froh den Wind ein, der nach warmen Ziegeln und Schwalbennestern roch. Er löschte die Kerze und setzte sich auf den Rand der Terrasse. Die Nacht war mit Sternen so beladen, sie brannte so glühend, daß er deutlich die wie die Schuppen eines Panzers ineinandergeschobenen Dächer sehen konnte. Das Licht war aus schwarzem Stahl, zuweilen aber entzündete sich ein Funken auf einem Dachfirst, auf der lackierten Kontur eines Taubenschlags, auf einer Wetterfahne, auf einer eisernen Haube. Kurze steife Wellen von außerordentlicher Härte fegten über die ganze Oberfläche der Stadt in einer scharfen, eisigen Brandung. Bleiche, perlfarbige Giebelwände, auf deren Oberfläche ein sehr helles, phosphoreszierendes Licht gerade erstarb, verwirrten sich mit tiefen Dreiecksschatten, die sich wie Pyramiden erhoben oder waagrecht lagen wie Felder; Abhänge, auf denen ein grünliches Licht tanzte, öffneten nach allen Seiten fächerförmige Ziegelreihen; Rotunden in Silberfiligran über dem zarten Umriß irgendeiner großen Kirche waren mit Finsternis geschwellt; Türme stiegen empor, Gebilde wie Stufenbänke oder übereinandergelagerte Treppenabsätze, starrend von widerhakigen Sternen. Da und dort bliesen die Laternen in der Stadt rost- und ockerfarbige Dämpfe aus, um die sich Rahmen und Kränze zackten; die tintigen Risse der Straßen schnitten die Stadtviertel auseinander. Der Wind hatte keinen gleichmäßigen Atem, sondern fiel wie
in Klumpen oder rollte langsam dahin wie ein Wollknäuel; er ließ
das Dächermeer plätschern, blies ein schläfriges Brummen
in die Höhlen der Glocken, rieb sich an den verschleierten Hügeln
der Scheunen und der Dächer des Klosters. Das Laubwerk der Ulmen und
Sykomoren seufzte wie schwer arbeitende Masten. Aus den fernen Bergen hörte
man den flatternden Flügelschlag der großen Wälder. Die
schwankenden Laternen warfen rote Blitze, und die schwere Luft, die wie
eine Katze durch die Ausdünstung der Ziegel schlich, knetete die Farben
zu einer Art braunrotem Teer.
(Als wir 1957 in der 5. Klasse der Oberrealschule Flüssen im Fach
Deutsch ein "Städtebild" verfassen sollten, lieferte ich diesen Text,
der den Deutschlehrer - sein Vorgänger war in die Nervenklinik eingeliefert
worden - in tiefste Verwirrung stieß. Seither drängt es mich,
den "Husar auf dem Dach" jedes zweite Jahr einmal zu lesen.)
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